36 neue Diorit-Walzenstühle

Im Herbst 2021 wurde mit der schrittweisen Gesamterneuerung der beiden Weichweizenlinien, der sogenannten A- und B-Mühlen von Swissmill, begonnen. Seit Mitte August sind alle 36 neuen Diorit-Walzenstühle in Betrieb. Bei einer der Austauschetappen war das Kornmagazin mit dabei.
Handwerk, Know-how, eingespielte Abläufe: Mühlentechniker Agron Lekaj der menert GmbH beim Walzenstuhlwechsel. Bildstrecke: Mischa Scherrer

Ende Juni 2022, frühmorgens vor sechs Uhr bei Swissmill: Mit einem Mal nimmt der gewohnte Geräuschpegel auf dem Mühlenboden kontinuierlich ab. Die Anlagen werden heruntergefahren und schwingen aus. «Diese plötzliche Ruhe ist fast unheimlich», sagt Jungmüller Alex Hilvert. Wenige Tage zuvor absolvierte er erfolgreich die Lehrabschlussprüfung – und jetzt brachte er erstmals im Beisein eines erfahrenen Müllers hier alles zum Stillstand. Denn, in Bälde verlassen wiederum vier MDDK-Walzenstühle aus dem Jahr 1985 die B-Mühle. Nur wenige Stunden später stehen an ihrer Stelle funkelnagelneue Diorit MDDY von Bühler. Schon am folgenden Morgen sind diese betriebsbereit – und Weichweizenkörner, Schrote, Dunste und immer feinere Mehle passieren die beiden Walzenpaare der jüngsten Walzenstuhl-Generation.

Seitenwände demontieren, Rohrverbindungen zu den Plansichtern lösen, Kettenzüge befestigen … Bernhard Eberwein bei der Arbeit.


Situative Lösungen

Aber eins ums andere: Intensive Vorarbeiten und viel Präzisionshandwerk sind bei einem solchen Wechsel nötig. Swissmill-Leute, Mühlentechniker der menert GmbH und swisspro-Elektriker arbeiten hier in einem eingespielten Prozedere Hand in Hand. «Bei der allerersten Umbau-Etappe gab es noch einiges zu lernen», sagt Bernhard Eberwein von menert, während er die rasselnden Kettenzüge für den Abtransport des ersten Walzenstuhls an diesem Morgen richtet. Dann demontiert er mit einem Bein auf einer Leiter, mit dem anderen auf einem alten MDDK stehend deren Verbindungsrohre zu den Plansichtern, den Siebmaschinen im oberen Stock.

Seine Kollegen sind dabei, seitlich an den Maschinen die Zahnriemenscheiben zu entfernen, um sie sorgsam aufzuheben. Angesichts der globalen Lieferprobleme seien besonders die grösseren Scheiben Mangelware, erklärt Thomas Scherrer. Immer wieder erinnern feine Mehlstaubwolken aus den nach oben offenen Rohren an die während Jahrzehnten geleisteten Dienste der alten Walzenstühle. Sie sind das Herzstück eines Mühlenbetriebs.

Es braucht einen Durchgang: Roman Vetsch (links) und Scherrer Thomas entfernen vier Saugpneumatikrohre.
Viel Teamarbeit: menert-Chef Philipp Schumacher (rechts) und Roman Vetsch transportieren einen alten MDDK auf Rollen.


Enge Platzverhältnisse

«Kann ich das Kabel abschneiden?», fragt Roman Vetsch. «Nein», tönt es durch die Öffnung vom Stock unterhalb des Walzenstuhls, wo zwei Elektriker die alten Installationen demontieren. Oben braucht es jetzt noch eine freie Passage, um die Walzenstühle hinaus- und hineinzubefördern: Angesichts der engen Platzverhältnisse müssen vier Saugpneumatikrohre der Weichweizen- und Hartweizenmühlen vorübergehend weichen. Das ist auch der Grund, weshalb sogar die Hartweizenmühle an diesem Morgen für einige Stunden stillsteht.  

Draussen vor dem Mühlengebäude am Sihlquai 306 ist menert-Chef Philipp Schumacher dabei, mit einem Gabelstapler die Paletten mit den Seitenwänden und Rohrteilen der alten Walzenstühle wegzuführen. Zudem fährt er die neuen 3,5 Tonnen schweren Diorit-Walzenstühle in Position. Gleich hilft er auf dem Mühlenboden, mit den Kettenzügen einen ersten MDDK auf vier rote Schwerlastrollen zu hieven und zur Türöffnung zu schieben – auf dem mehlbestäubten Boden ist das eine rutschige Sache. Anschliessend holt er die Maschine an grünen Rundschlingen mit dem Stapler ins Freie. Und so verlässt ein MDDK um den anderen den Betrieb. Nach 37 Jahren im Dienste der Brotversorgung ist das ein denkwürdiger Moment – in der 180 Jahre alten Mühle an der Limmat.

Gleich holt Philipp Schumacher mit dem Stapler den alten Walzenstuhl aus der Produktionshalle.


Viel Detailarbeit und Können

Bevor die neuen Diorit drinnen platziert werden, bleibt allerhand zu tun. Wie üblich bei Bauprojekten von Swissmill ist seit 30 Jahren auch Heinz Luder, Baufachmann und Leiter Unterhalt, begleitend zur Stelle. So müssen jetzt die Holzrahmen respektive Walzenstuhlrahmen, auf denen die alten Walzenstühle standen, aus ihrer Halterung gelöst und vor das Gebäude gebracht werden. Eine ganz eigentümliche Geräuschkulisse durchdringt die stillgelegte Produktionshalle: Die Männer hämmern, stemmen, fräsen, glätten und säubern die Auflageflächen für die neuen Metallrahmen über der Öffnung zum Untergeschoss mit den Elektroinstallationen und den vielen grauen, gelben und grünen Kabeln. Heinz Luder steigt die Leiter zwischen den Stockwerken hinauf und hinunter. Mit einer Druckluftpistole reinigt er die mehlbestäubten, neuen Walzenstuhlmotoren, dann verputzt er kleinste Unebenheiten und Löcher im Gemäuer, er spachtelt und dichtet säuberlich Ritzen und Fugen ab. Ganz nach seiner Devise: «Den Käfern keine Chance geben!»

Das Einpassen der neuen Walzenstuhlrahmen aus Metall erfordert Konzentration und Geschick von den Mühlentechnikern. Roman Vetsch greift nach einem langen gelben Ding. Sein Blick auf die Wasserwaage bestätigt: Es gibt noch Schieflagen. Nochmals etwas schieben und fest darauf treten, bis der Rahmen sitzt. Danach wird gebohrt, kleine Metallplatten werden montiert und Schlaganker befestigt. Auch bei dieser Arbeit stehen die Männer hin und wieder auf den blaugrauen Motoren. 

Voilà, um circa acht Uhr an diesem Montagmorgen ist es so weit: Die erste der vier weiteren Diorit-Walzenstühle kommt in die Mühle: Wieder fährt menert-Chef Philipp Schumacher mit dem Gabelstapler vor und hievt die tonnenschwere Maschine auf die roten Schwerlastrollen im Innern, wo sie dann mit Hilfe der Kettenzüge an ihren Standort befördert wird. Das Platzieren auf der Bodenkonsole und die Endmontage der Walzenstühle verlangt schliesslich auch wieder viel Feinabstimmung und Präzision.

Von Grund auf neu: So auch die neuen Walzenstuhlrahmen, die Janosch Rahn in die Mühle bringt.
Was sonst verborgen ist: Die Öffnung zum unteren Stock mit den Elektroinstallationen und Motoren.


Der Tag ist gerettet

Gegen zehn Uhr wird die A-Mühle zur Limmat hin wieder ihren Betrieb aufnehmen: Müller Andreas Meier ist zufrieden: «Der Tag ist gerettet!» Länger hingegen, noch rund sechs Stunden dauert es, bis die Fachleute von swisspro alle vier neuen Walzenstühle elektrifiziert haben werden. So dass auch die strassenseitig gelegene B-Mühle tags darauf wieder ordentlich Weichweizenkörner vermahlen kann. Mit dieser zweitletzten Austauschetappe sind Ende Juni insgesamt 32 der 36 neuen Diorit MDDY im grossen Mühlenbetrieb von Swissmill integriert. 

Details zum Projekt und wie die Produktions- und Technikverantwortlichen von Swissmill, Antoine Bolay und Simon Künzle, diesen Generationenwechsel beurteilen, erfahren Sie im «Verwandten Artikel».

Fabrikneu, noch verpackt: einer der 36 Diorit-Walzenstühle für die Weichweizenvermahlung vor dem Mühlengebäude bei Swissmill.
Müller Andreas Meier freut sich mit seinen Kollegen über möglichst kurze Produktionsunterbrüche: am besten gleich mal nachsehen.



Müllerskunst seit 1843

In den Walzenstühlen bei Swissmill, der grössten Mühle der Schweiz, werden jährlich mehr als 200'000 Tonnen Getreide vermahlen und über 100 Sorten Mehle und Griesse, Flocken, Mischungen und Spezialitäten hergestellt: für knuspriges Brot, hochwertige Müesli, feine Pasta, Polenta oder Biscuits. Ein wesentlicher Teil der Mahlerzeugnisse ist mit der Bio-Suisse-Knospe und dem IP-Suisse-Label ausgezeichnet.

Als Division der Coop-Gruppe beschäftigt Swissmill in Zürich 90 Mitarbeitende. Das Herz der Anlagen an der Limmat sind zwei Mühlen für Weichweizen, je eine für Hartweizen, Mais und Hafer sowie eine Spezialitätenmühle für Dinkel und Roggen – und sogar zwei moderne Steinmühlen. Mit ihrer Vielfalt unter einem Dach steht Swissmill als Branchenführerin einzigartig da. Zu ihren Kundinnen und Kunden zählen Bäckereien, Teigwaren- und Müeslihersteller, der Detailhandel – neben der Lebensmittelindustrie somit auch Privathaushalte landauf, landab. 

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